Synoptische Übersicht - Kurzfrist

ausgegeben am Donnerstag, den 18.01.2018 um 08 UTC

GWL und markante Wettererscheinungen: GWL: Ws (südliche Westlage)

Heute Passage von Sturmtief FRIEDERIKE mit schweren Sturmböen oder Orkanböen (teils UNWETTER), im Norden kräftiger Nassschneefall. Danach Übergang zu einer Troglage.

Synoptische Entwicklung bis Samstag 24 UTC

Donnerstag... steht eindeutig im Zeichen des Sturmtiefs FRIEDERIKE, das heute früh um 03 UTC an der ostenglischen Küste unmittelbar vor Übertritt auf das Seegebiet Humber analysiert wurde. Vergleicht man den Kerndruck von etwas unter 980 hPa mit den für heute prognostizierten Druckwerten im Tiefzentrum, so lässt sich festhalten, dass keine weitere Vertiefung mehr ansteht, was sich auch recht gut mit der zum Kern symmetrischen Anordnung der starken Drucktendenzen deckt. Auch die zahlreichen Modelle haben in der Behandlung von FRIEDERIKE mittlerweile (und auch dankenswerterweise) einen belastbaren Konsens erreicht, so dass man das Sturmtief prognostisch eigentlich gut behandeln kann. Demnach zieht FRIEDERIKE im Laufe des heutigen Tages zunächst über Friesland und die Emsmündung hinweg in Richtung St.Pauli (also den Hamburger Raum), wo es zur Mittagszeit anlandet. Weiter geht es am Nachmittag gen Uckermark, bevor in den Abendstunden die deutsch-polnische Grenze überschritten wird. Dabei behält das Tief die ganze Zeit über einen Kerndruck von etwas unter 980 hPa, erst auf polnischer Seite beginnt es sich allmählich aufzufüllen. Der stärkste Wind respektive Sturm wird im SW-Sektor des Tiefs erwartet, wo der Gradient am stärksten ist. Entsprechend wurde der Streifen mit Unwetterwarnungen gezogen, der grob gesprochen von NRW und dem südlichen NDS über die nördliche Mitte hinweg bis nach Sachsen und dessen angrenzende Peripherie reicht. In diesem Korridor werden heute von West nach Ost Sturmböen oder schwere Sturmböen 9-10 Bft, teils orkanartige Böen 11 Bft und mit etwas geringerer Wahrscheinlichkeit (im Flachland, nicht auf den Bergen) Orkanböen 12 Bft auftreten, wobei der Wind von S-SW auf westliche Richtungen dreht. Deutlich schwächer fällt der Wind im Norden aus, wo der Kern entlangzieht. Allerdings treten dort rückseitig und kurzzeitig mal Böen der Stärke 7-8 Bft, im Nordwesten bis zu 10 Bft aus W-NW auf. Zudem legt der auf östliche Richtungen drehende Wind an der Ostsee soweit zu, dass dort mit Spitzen 7-8 Bft zu rechnen ist. In der Südhälfte frischt der Wind von Westen her ebenfalls stürmisch auf mit Böen bis 10 Bft, im Bergland je nach Exposition bis 12 Bft auf. Hier gilt es, das Augenmerk auf die am Nachmittag anstehende Kaltfrontpassage des Tiefs zu richten, wo einerseits die konvektive Komponente (Oberwinde in 850 hPa bis zu 75 Kt, in 925 hPa bis 60 Kt), andererseits der Leitplankeneffekt vor den Alpen immer stärker ins Spiel kommt. Sollte sich eine Linie mit organisierter Konvektion bilden (ausreichend Scherung ist da, aber nur mäßige Labilität mit wenig CAPE), besteht die Gefahr orkanartiger Böen 11 Bft in Verbindung mit kräftigen Schauern oder Gewittern, aber auch in isolierten Einzelfällen (z.B. an exponierten Stellen) ist diese Windstärke nicht auszuschließen. Die Grundwarnung mit hoher Ausreizung steht, ggf. muss eine Unwetterwarnung kurzfristig draufgesattelt werden. Stichwort Gewitter, bereits im Vorfeld der am Vormittag auf den W und NW übergreifenden Kaltfront können sich einzelne Gewitter mit Sturmböen entwickeln (siehe heute früh NW-NDS). Tagsüber muss dann besonders an der Kaltfront selbst sowie im unmittelbaren Vorfeld mit Gewittern gerechnet werden, die im worst case von Böen 11-12 Bft begleitet sein können. Dann bliebe da noch die Niederschlagsentwicklung zu behandeln, die auch so ihre Tücken hat. Fakt ist, dass insbesondere in den Süden, kurzzeitig aber auch mal in die Mitte - quasi im Warmsektor des zum Tief gehörenden Frontensystems - milde Meeresluft gelangt, in der die Schneefallgrenze vorübergehend auf über 1000 m, im Bayerischen Wald auf 800 bis 1000 m ansteigt. Bis es soweit ist, können bis in den Vormittag hinein bis in mittlere Lagen aber noch einige Zentimeter Schnee zusammenkommen. Im Schwarzwald und im Allgäu können bis kommende Nacht durchaus 20 bis 30 mm Regen zusammenkommen, eine Dauerregenwarnung, geschweige denn eine Tauwetterwarnung bieten sich deswegen aber nicht zwingend an (trotz vorhandener Hinweise in SNOW4), zumal die vorhandene Schneedecke durchaus einigen Regen absorbieren kann und die Schneefallgrenze im Laufe der kommenden Nacht schon wieder sinkt. Deutlich niedriger, nämlich bis ganz runter, reicht die Schneefallgrenze im Nordosten, etwa von Ostholstein und dem Hamburger Raum bis hinüber nach Vorpommern bzw. ins nördliche BB. Zwar sind die aktuellen Temperaturen dort im positiven Bereich und die Feuchttemperatur mit etwas über +1°C im für Schneefall grenzwertigen Bereich, was in erster Näherung gegen die feste Phase spricht, die starke Hebungsabkühlung im NO-Sektor des Tiefs sowie das Rückdrehen des Windes auf östliche Richtungen werden aber ausreichen, um teils kräftigen Nassschneefall zu induzieren, wie es aktuell schon in Ostfriesland zu beobachten ist. Dabei können bis zum Abend durchaus einige Zentimeter (lokal sogar bis zu 10 cm) "Patscheschnee" zusammenkommen, teils über 5 cm binnen 6 h, weswegen gebietsweise eine markante Schneefallwarnung herausgegeben wurde. Letztlich sei noch festzuhalten, dass hinter der Kaltfront ein Schwall maritimer Polarluft einströmt, in der die Schneefallgrenze wieder auf 400 bis 200 m absinkt. Dort nehmen die Niederschläge konvektiven Charakter an, wobei auch kurze Graupelgewitter mit Sturmböen möglich sind. Während es im Norden und Nordosten mit 1 bis 4°C nasskalt bleibt, steigt sonst die Temperatur auf 5 bis 10°C, am Rhein auch mal bis zu 12°C.

In der Nacht zu Freitag entspannt sich die Sturmlage deutlich. Bereits zuvor, also am späten Nachmittag, nimmt der Wind im Westen schon deutlich ab, während es im Osten noch etwas dauert. Dort sind anfangs noch Böen bis 11 Bft (Bergland höher) drin, bevor es spätestens in der 2. Nachthälfte merklich runtergeht mit der Windgeschwindigkeit. Bis zum frühen Morgen bleiben dann nur noch die Hochlagen der Berge mit signifikantem Wind (je nach Exposition 7-9 Bft) übrig. Im Süden erreicht die Kaltfront irgendwann nach Mitternacht schließlich die Alpen, nachdem sie zuvor durch eine ganz flache, ostwärts ablaufende Welle kurzzeitig noch mal aufgehalten wird. In der einfließenden Polarluft sinkt die Schneefallgrenze auf 400 bis 200 m, im äußersten Süden mit leichter Verzögerung teils auf 600 m. Während in den meisten Gebieten nur wenige Zentimeter, in Staulagen vielleicht mal um 5 cm (im Schwarzwald lokal um 10 cm) Schnee fallen (z.T. fällt auch gar nichts oder nur Marginales, trotzdem besteht Glättegefahr), kommt an und in den Alpen eine ordentliche Hucke Neuschnee zusammen. Dort sind 10 bis 20 cm, in Staulagen sogar um 30 cm zu erwarten. In den Hochlagen besteht die Gefahr von Verwehungen, was aber letztlich unter die Einzelfallentscheidung fällt.

Freitag... beginnt die bis dato relativ glatt verlaufende Frontalzone bei gleichzeitiger Verlagerung nach Süden über Westeuropa auszutrogen. Der resultierende, relativ breit konturierte Trog greift im Tagesverlauf auf Deutschland über und überdeckt spätestens in der Nacht zum Samstag den gesamten Vorhersageraum mit höhenkalter Luft von -34°C im Süden und bis zu -39°C im Norden (500 hPa; T850 um -5°C). Bodennah stellt sich zwischen dem nach Weißrussland abziehenden Sturmtief FRIEDERIKE sowie einem weiteren Tief über dem Nordmeer und dem bis zur Biscaya gerichteten Azorenhoch eine mäßige westliche Strömung ein, mit der erwärmte Meereskaltluft advehiert wird. In dieser Luftmasse entwickeln sich zahlreiche Schauer, die oberhalb 200 bis 400 m durchweg als Schnee, sonst je nach Intensität in allen möglichen Formen fallen. Vereinzelt sind auch kurze Graupel- oder Schneegewitter dabei, die von Böen der Stärke 7-8 Bft begleitet sein können. Die Neuschneemengen sind meist gering, nur in einigen Staulagen reicht es für rund 5 cm, an den Alpen lokal um 10 cm. Der Gradient reicht größtenteils nicht mehr aus, warnwürdige Windböen > 7 Bft zu generieren, in kräftigen Schauern ist das aber sehr wohl denkbar. Ansonsten treten nur noch in exponierten Hochlagen Böen 7-8 Bft, anfangs vereinzelt 9 Bft auf, Tendenz im Tagesverlauf eher nachlassend. Die Tageshöchstwerte liegen zwischen 2 und 8°C, am Oberrhein lokal bis zu 10°C.

In der Nacht zum Samstag fächert der Gradient weiter auf, allerdings zieht im Süden ein kleiner Bodentrog durch, der dort für Böen bis 7 Bft sorgen könnte. Diese Entwicklung steht aber noch auf wackeligen Füßen. Auffrischenden westlichen Wind mit Böen 7 Bft gibt es auch an der Nordsee, wo ebenfalls ein zum Nordmeertief gehöriger Bodentrog durchschwenkt. Ansonsten nimmt die Schaueraktivität in der Nordhälfte tagesgangbedingt ab, wohingegen nach Süden hin trogbedingt mit einer Intensivierung der Schneefälle zu rechnen ist. Im nördlichen Bayern und BW können bis zu 10, in Staulagen sogar 15 cm zusammenkommen (ICON, IFS, GFS). Mit Ausnahme einiger Regionen Westdeutschlands geht die Temperatur in den leichten Frostbereich zurück, Glätte durch gefrierende Nässe inclusive.

Samstag... amplifiziert sich der Höhentrog noch etwas, wobei er sich leicht nach Osten verlagert. Allerdings gelangt in seine Rückseite ein kurzwelliger Anteil, der den gesamten Trog regeneriert bzw. scheinbar sogar etwas rückläufig werden lässt. Wie auch immer, unter dem Strich haben wir es mit einer Troglage zu tun, bei der sich in gradientschwachem Umfeld Schauer entwickeln, die bis ganz unten als Schnee fallen können (T850 zwischen -4°C im SW und -9°C im Osten). Vereinzelt ist auch ein kurzes Gewitter dabei. Interessant wird es im Tagesverlauf in BW und später auch in Teilen Bayerns, wenn sich eine Welle von Frankreich her nähert und der konvektive in skaligen Schneefall übergeht. Vor allem im Schwarzwald besteht die Möglichkeit, dass 10 bis 20 cm Neuschnee fallen werden. Der Wind spielt keine große Geige, einzig an der Nordsee sind einzelne 7er-Böen aus westlichen Richtungen möglich. Die Temperatur erreicht Höchstwerte von 0 bis 6°C, im höheren Bergland herrscht leichter Dauerfrost.

Modellvergleich und -einschätzung

Erfreulicherweise hat sich die Numerik hinsichtlich des weiteren Lebenslaufs von FRIEDERIKE auf einen Konsens geeinigt, was das weitgehend schon verankerte Warnmanagement vereinfacht. Gleichwohl bleiben noch ein paar Fragen für in-Situ-Management über, so etwa die genaue konvektive Entwicklung. Zu achten ist auch auf den trockenen Oberstrom, der sich rückseitig des Tiefkerns von Westen her zu uns vorarbeitet, auch wenn es sich bei FRIEDERIKE wohl nicht um eine klassische Shapiro-Keyser-Zyklone handelt.

Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach Dipl. Met. Jens Hoffmann